Kirchenjahr
Vor den Fasten - In den Fasten - Karwoche

 

Vor den FastenSymbol

 
Weitere Informationen:
Reinhard Brandhorst - Fasten, Passion und Ostern begehen - mit dem neuen Tagzeitenbuch
 
Uns umfängt eine Vorhalle, bevor wir in die heiligste Zeit des Kirchenjahres eintreten. Die drei Sonntage vor den Fasten bereiten uns für den Weg, den wir in der Passion mit unserem Herrn gehen werden. Durch eine 70jährige Gefangenschaft mußte einst das Gottesvolk hindurch zur Sühne für seine Schuld. So begeht auch die Kirche als das Volk Gottes, das in die Welt verbannt ist, eine "70tägige" Rüstzeit; an diese - nicht buchstäblich genau zu rechnende - Vorbereitungszeit erinnert der Name des ersten Sonntags "Septuagesimae", d.h. des 70. Tages. So stehen auch die beiden folgenden Sonntage mit ihren Namen "Sexagesimae" (60.) und "Quinquagesimae" (50.) wie römische Meilensteine an unserem Wege und geben - rund gerechnet - die Zahl der Tage an, welche uns von dem Ziele trennen, dem wir entgegengehen. Dieses Ziel ist der Christussieg, welcher am Osterfest offenbar wird. Auf dieses Ziel hin ist unser Weg ausgerichtet vom "70." Tage ab.
Der erste der drei Sonntage gemahnt uns daran, daß wir es Gottes Gnade verdanken, wenn wir zum Volke Gottes berufen sind, und daß der Lohn, der uns nach den irdischen Mühen im Dienste Christi verheißen ist, allein aus Gottes schenkender Güte stammt. Der zweite Sonntag zeigt uns den göttlichen Säemann, der über diese Erde geht und den Samen des Wortes streut. Auch Er muß erfahren, daß der irdische Acker nach dem Sündenfall "Dornen und Disteln" trägt. Aber er vertraut auf die Macht Gottes, welche aus steinigem Boden kann gutes Land machen, das reiche Frucht bringt. Der letzte Sonntag vor den Fasten zeigt uns den Herrn auf dem Wege nach Jerusalem, dem die Seinen folgen mit Entsetzen und Furcht (Mark. 10, 32). Er allein ist der Sehende. Er kennt das Ziel. Aber Er öffnet uns Blinden die Augen, daß wir Ihm folgen dürfen mit sehenden Augen "hinauf gen Jerusalem".
Die Kirche hat seit alters in dieser Zeit drei Gestalten der Urzeit als Zeugen aufgestellt, welche auf den Weg Christi vorausdeuten: Adam, Noah und Abraham. Diese Gestalten werden uns in einigen Lesungen der Vorfastenzeit entgegentreten; sie weisen weit über das Anliegen der einzelnen Woche hinaus. Adam, der Stammvater der Menschheit, der nach dem Bilde Gottes geschaffen war, ist ein Vorbild auf Christus hin, der als der zweite Adam dieses Bild wieder herstellt und Anfänger einer neuen Menschheit wird. Noah, der in der Arche aus der Sintflut errettet wird, deutet voraus auf die Kirche, in welcher als in einer "heiligen Arche" die Getauften aus der Zahl der Ungläubigen errettet werden. Abraham, welcher seinen einzigen Sohn, den er lieb hat, zur Opferstätte führt und in seinem Willen das Opfer wirklich vollbracht hat, weist auf Den hin, der mit Seinem Willen und mit Seinem Leibe das vollkommene Opfer gebracht hat.
 
Spieker, S. 63-64

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In den FastenSymbol

 
Weitere Informationen:
Ruth Führer - Die Bilder des Passionsweges als Fragen an uns (1952)
Wilhelm Stählin - Fastenzeit (1924)
Reinhard Brandhorst - Fasten, Passion und Ostern begehen - mit dem neuen Tagzeitenbuch
 
"Lasset uns den Herrn geleiten auf dem Wege zum Kreuze / von ferne wollen wir Ihn geleiten / Jesum von Nazareth, den Gesalbten Gottes." So ladet uns die Kirche ein, in dieser Zeit unserm Herrn auf Seinem Wege zu folgen. Hier wird offenbar, daß die Begehung des Kirchenjahres in Wirklichkeit das Mitgehen eines Weges ist, auf dem wir uns von der Kirche führen lassen. Dieser Weg ist der Christusweg, auf den wir uns rufen lassen, damit es nicht bei einem Anschauen des Weges Christi verbleibe, sondern daß dieser Weg auch in unser Leben seine Spuren einpräge. Deshalb hat die Kirche ihre Glieder seit alters dazu angehalten, in dieser Zeit durch ihre Lebensweise sich daran erinnern zu lassen, auf welchem Wege sie sind. Es ist eine wichtige Erkenntnis, daß geistliches Leben sich von der leiblichen Haltung des Menschen nicht trennen läßt. Wer geistlich den Weg Christi durch diese Zeit mitgehen will, muß auch "leiblich sich bereiten". Unsere reformatorischen Väter haben um den engen Zusammenhang des geistlichen Lebens mit leiblicher Zucht gewußt, sie haben deshalb die leibliche Übung für nötig erachtet, "um den Leib für geistliche Dinge willfährig und empfänglich zu halten" (Augsburger Bekenntnis, Art. XXVI, 38). Es ist deshalb kein Rückfall in unevangelische Anschauungen, wenn wir für die Zeit vor Ostern wieder die deutsche Bezeichnung "In den Fasten" wählen; sie entspricht einem tiefen Zusammenhang zwischen dem Wege Christi und dem Wege der Christen.
Einst sind in dieser Zeit die altchristlichen Taufbewerber einen beschwerlichen Bußweg geführt worden, um sie aus allen heidnischen Bindungen, aus der Umklammerung teuflisch-götzendienerischen Wesens zu befreien. Deshalb wurden sie auf einen Weg des Fastens und der Reinigung verwiesen. Über ihnen wurde beschwörend der Name des Erlösers angerufen, und es wurden solche Evangelien gelesen, welche von dem Kampfe Christi mit dem Satan und Seinem Sieg über die Dämonen handeln, damit Sein Name an den Taufbewerbern dieselbe befreiende Kraft übe, wie einst an den Menschen, welche vom Satan überwältigt waren. Dieser Taufweg fand seinen Höhepunkt in der hochheiligen Osternacht. Die Taufe im nächtlichen Ostergottesdienst ließ die Christen vollends erfahren, daß niemand am neuen Leben Christi und an Seiner Auferstehung teilhaben kann, der nicht zuvor sein altes Leben in den Tod gegeben hat. Wir lassen uns durch die Lesungen, in welchen die Mahnungen an die Taufbewerber anklingen, auf unseren eigenen Taufweg zurückrufen, wir lassen uns mahnen, unseren Christenstand ernster und strenger zu fassen, wir lassen uns aus der Welt herausrufen, wir lassen uns einladen zu den Geheimnissen Gottes und zur himmlischen Speise.
Die Sonntage "in den Fasten" sind seit alters der Fastenordnung entnommen. (Die Quadragesima, d.h. die Zeit der 40 Tage, welche an Mose, Elia und Christus gemahnen, umfaßt nur die Wochentage von Aschermittwoch bis Ostersonnabend). An den Sonntagen wird der Klang des Kampfes und des Sieges laut. Die Evangelien, die an ihnen gelesen werden, haben keinen Bezug auf Christi Leiden, wohl aber um so deutlicher auf Seinen Ostersieg. [Die Perikopenreform hat neue Akzente gesetzt] Gleich der erste Sonntag (Invokavit) zeigt uns den Kampf Christi mit den Grundmächten der Welt und Seinen Sieg in der Abwehr des Satans...
Am vierten Sonntag (Lätare = freue dich!) bricht gar helle Freude durch den Kampfesernst, die Vorfreude auf Ostern. An diesem Tage wurden in Rom die ersten Rosen in die Kirche getragen. Die Christen beschenkten sich gegenseitig mit Rosen, dem Symbol des Auferstandenen und der Christenfreude. ...
Spieker, S. 74-76
 

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KarwocheSymbol

 
Weitere Informationen:
Wilhelm Stählin - Über das Begehen der Heiligen Woche (1937)
Erich Müller-Gangloff - Ostern und die Oikumene (1954) mit drei Betrachtungen:
Karl Friz - Höllenfahrt und Auferstehung (orthodox)
Gerhard Koch - Kirche von Kreuz und Karfreitag? (evangelisch-luth.)
Fritz Leist - Vom Gründonnerstag zur Osternacht (röm.-katholisch)
Fasten, Passion und Ostern begehen - mit dem neuen Tagzeitenbuch
 
Das Jahr der Kirche hat seine Höhe und Mitte in der heiligen Woche, in der die Kirche das Gedächtnis des Leidens und Sterbens und der Auferstehung des Herrn begeht. Keine andere Woche des Kirchenjahres wird mit solcher Feierlichkeit, Hingabe und Andacht begangen, keiner gebührt der Ehrenname der heiligen Woche als diesen Tagen, in denen die Kirche ihren Herrn begleitet auf dem Wege zum Kreuz und zum Grab und sich freut Seines Sieges über den Tod. Dies ist die heilige Woche, die Woche, auf die das ganze Kirchenjahr hinführt, um von ihr wieder Sinn und Frucht zu empfangen. Hier drängen sich die gottesdienstlichen Feiern der christlichen Kirche zusammen, hier singt sie ihre ernstesten Klage- und Bußgesänge, hier am freudigsten den Lobpreis ihres Herrn und das Triumphlied Seines Sieges. Wer den Pulsschlag des christlichen Glaubens vernehmen und das Geheimnis der heiligen Kirche erfahren will, muß mit ihr diese Tage begehen.
Diese Tage begehen, heiß freilich etwas völlig anderes als berichten und sich berichten lassen, was in jenen Tagen in Jerusalem geschehen ist. Wir können uns wohl vorstellen, wie tief es einen Menschen erschüttern und ergreifen müßte, wenn zum erstenmal die Kunde von jenem heiligen Geschehnis zu ihm dringt. Aber es würde ihn doch eben deswegen so tief bewegen, weil er von fern ahnt, daß diese Geschichte mit seinem eigenen Leben und dem Leben aller Welt geheimnisvoll verflochten ist als ein Mysterium, in dem der Grund unseres eigenen Heiles, unserer Wandlung und unserer Erlösung gelegt ist. Wäre es nur die Kunde von einem historischen Ereignis, so würden diese Tage ihren eindrücklichen Ernst, ihre Bedeutung für unser gegenwärtiges Leben verlieren, indem sie nur die Erinnerung wachriefen an das, was wir längst schon wissen. Diese Tage begehen, heißt aber vielmehr den Weg, auf dem Gott den Herrn Christus durch das Todesleiden hindurch zur Herrlichkeit geführt hat, anschauen als den eigentlichen Inhalt unseres Glaubens, als den Gegenstand unserer Liebe und den Grund unserer Hoffnung, als den Weg, auf den Gott der Herr durch das Wirken Seines heiligen Geistes die an Christus gläubige Menschheit führen will; und es heißt zugleich, die Kirche kennen und lieben als den Ort, als die von Gott gestiftete Stätte, da Menschen Anteil gewinnen an der Frucht des Opfers und des Sieges Christi. Wir begehen die heilige Woche in der Gewißheit, daß der Weg, auf dem wir Christus begleiten, der Weg unseres eigenen Heils ist; wir begehen diese Tage mit der flehentlichen Bitte, daß wir gewürdigt werden, selbst Anteil zu gewinnen an diesem Geheimnis. Wir begehren mit Christus zu sterben, um mit Ihm aufgenommen zu werden in das Land des Lebens. -
Der Palmsonntag empfängt seinen Namen von den Palmen, welche das Volk beim Einzug in Jerusalem dem Herrn entgegenträgt. Im Altertum werden dem siegreich einziehenden Feldherrn Palmzweige vorangetragen; so wird beim Einzug des Herrn durch die Palmen gezeigt, daß der hier Einziehende als Sieger kommt und Ihm als dem Überwinder die Palmen gebühren. Weil wir mit der Begehung des Kirchenjahrs nicht bloß geschichtliche Erinnerung pflegen, sondern heute mit unserm Herrn den Weg durch das Erdenjahr gehen wollen, so huldigen wir beim Eintritt in die "große heilige Woche" dem Herrn Jesus Christus als unserm wahren König, welcher durch Leiden und Kreuz nicht erniedrigt, sondern vielmehr durch Sein Todesleiden verklärt und verherrlicht worden ist und am Ende dieser Woche offenbar werden wird als der Sieger über Sünde, Tod und Hölle.
Der Name der Karwoche hängt zusammen mit dem alten deutschen Wort Kara = Trauer; die Kirche trauert um ihren Herrn, sie trägt Reue und Leid um ihre Sünde. Aber durch alle Trauer zieht sich der Dank für unsere Erlösung, bis in der Osternacht der Jubelruf des Sieges aufbrechen wird.
 
Spieker, S. 98-100

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GründonnerstagSymbol

 
Die folgenden drei Tage bilden das innerste Heiligtum der Karwoche. Sie werden eingeleitet und als zusammengehörig betrachtet durch die drei Trauermetten, mit welchen die Kirche diese Tage beginnt. Der erste dieser drei Tage, der Gründonnerstag, ist vor allem dem Andenken der Einsetzung des Heiligen Abendmahles gewidmet. Deshalb hebt sich dieser Tag mit der Feier des Herrenmahls aus der Karwoche heraus als ein Tag festlicher Freude: der Altar ist weiß gedeckt, die Kerzen brennen, die Orgel ertönt, der große Lobpreis wird mit dem "Ehre sei Gott in der Höhe" angestimmt. Zugleich bringt dieser Tag die Erinnerung an das Vorbild der dienenden Liebe, das der Herr den Seinen in der Fußwaschung gibt, aber auch an den Gebetskampf Jesu im Garten Gethsemane, das Versagen der Jünger und den Verrat des Judas. Früher fand an diesem Tage die Aussöhnung der am Aschermittwoch ausgeschlossenen öffentlichen Büßer statt. Daher stammt wahrscheinlich auch der Name "Gründonnerstag", d.h. der Tag der "greinenden" (=weinenden) Büßer. Der altkirchlichen Feier der Aussöhnung der Büßer entspricht in der evangelischen Gemeinde die Feier der Beichte der Gemeinde, in der wir uns die Gliedschaft am Leibe Christi bestätigen und festigen lassen.
 
Spieker, S. 105

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KarfreitagSymbol

 
Der heilige Karfreitag ist der höchste Tag in der Karwoche - noch nicht der höchste Gipfel des Kirchenjahres. Wir wissen, daß nach dem Karfreitag ein Tag kommt, an dem die Menschen überhaupt nicht mehr handeln, sondern, von Zittern und Entsetzen befallen, Gott allein das Wort lassen, welches Er auf eine Weise redet, daß es durch die Geschichte der Welt nachhallt wie Donnerrollen. Wenn wir den Karfreitag begehen müßten ohne Aussicht auf Ostern, dann wären wir noch "in unseren Sünden", wir blieben die Gerichteten. Daß wir aber am Abend des Karfreitags schon dastehen dürfen als die mit Gott versöhnten Kinder, das haben wir allein der Antwort Gottes zu danken, die Er selber auf das harte Gericht des Karfreitags folgen läßt. - Auch die Kirche will uns an diesem Tage nicht im Dunkel und im Raum des Todes lassen, sondern will uns mit der Gewißheit des Sieges erfüllen, des Sieges über Sünde, Tod und Teufel. Darum hat sie dem Karfreitag diejenige der vier Passionen zugeeignet, welche das Leiden Christi am stärksten durchdringt mit der Gewißheit des endgültigen Sieges, ja welche das Bild des Leidenden bereits umgewandelt hat in das Bild des triumphierenden Herrn.
Mit der Lesung von Hosea 6 beginnt die Kirche seit alters den Karfreitag (jetzt Mette am Karsamstag); die Lesung von Jesaja 53 ist besonders für evangelisches Verständnis am Karfreitag das entscheidende Wort göttlicher Deutung. Am Nachmittag um drei Uhr, zur Stunde der Kreuzigung, wird die Passion nach dem Evangelisten Johannes gelesen oder gesungen. In der Abendstunde lesen wir, wie Joseph von Arimathia und Nikodemus sich zu dem toten Jesus bekennen und Ihm die letzte Ruhestatt bereiten.
 
Spieker, S. 106

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KarsamstagSymbol

 
Der Karsamstag umfaßt das Gedächtnis der Grabesruhe und das Gedächtnis der Höllenfahrt, also jener beiden Stufen auf dem Wege Christi, von denen wir in dem apostolischen Bekenntnis reden: "Begraben, niedergefahren zur Hölle". Nach der lutherischen Auffassung, welche den biblischen Aussagen entspricht, bedeutet die Höllenfahrt nicht die äußerste Tiefe der Erniedrigung Christi, vielmehr Seinen vollkommenen Sieg über den Tod, im Sinne von Luk. 11, 21-22, und die Befreiung der Geister im Gefängnis. Darum besteht eine starke Spannung zwischen den beiden Geschehnissen, deren wir am Karsamstag gedenken. Unsere Ordnung drückt das aus, indem sie das eine der Mette, das andere aber dem schon zum Osterfest hinüberschauenden Vespergottesdienst zuweist.
Der Altar entbehrt am Karsamstag ebenso wie am Karfreitag jedes Schmuckes, es brennen keine Kerzen, Orgel und Glocken schweigen.
 
Spieker, S. 107


© Joachim Januschek
Letzte Änderung: 04-11-21
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